Die ortsspezifische Installation von Kathrin Tillmanns besteht aus acht Einzeltableaus, die sich in zwei gegenüberliegende Reihen gruppieren und so einen Dialog innerhalb des Raums herstellen. Jedes Tableau zeigt einen Porzellankopf, hergestellt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Heimat der Künstlerin. Diese Köpfe, ursprünglich als Puppenfiguren gedacht, wurden aufgrund kleiner Unregelmäßigkeiten im Herstellungsprozess nicht verkauft, sondern im Wald vergraben – ein Versteck, das sie etwa 80 Jahre lang der Außenwelt entzog. Die Spuren der Zeit, des Erdreichs und der Witterung sind noch heute in den Oberflächen erkennbar und verleihen den Köpfen eine stille Patina, die ihre Geschichte fühlbar macht.
Die Köpfe sind fotografisch in Schwarz-Weiß festgehalten und in Rasterbögen zerteilt, wodurch sie fragmentiert, aber gleichzeitig formal klar strukturiert wirken. Die leeren Augenhöhlen, die trotz der ursprünglichen Intention als Spielzeug nun fast geisterhaft erscheinen, erzeugen eine subtile, unheimliche Wirkung. Die Wiederholung der Motive – vier Köpfe auf jeder Seite, die einander gegenüberstehen – schafft ein Spiegelbild, das den Betrachter sowohl visuell als auch emotional in die Installation hineinzieht.
Die Arbeit reagiert sensibel auf den Ort: die Umnutzung einer Kirche zu einem Caritas-Zentrum mit Tagestreff für obdachlose Menschen. Hier gewinnen die Porzellanköpfe eine doppelte Bedeutung: Sie stehen für Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und die Spuren der Zeit, zugleich spiegeln sie die Unsichtbarkeit und gesellschaftliche Marginalisierung von Menschen wider, die auf den Schutz solcher Räume angewiesen sind. Die Begegnung mit den Köpfen wird so zu einer stillen Reflexion über Existenz, Erinnerung und soziale Präsenz.
Kunsthistorisch ist die Arbeit in der zeitgenössischen konzeptuellen Fotografie verortet. Elemente des Minimalismus und der Serienstruktur erinnern an die analytische Herangehensweise von Bernd und Hilla Becher, während die psychologische Wirkung der Puppenköpfe Bezüge zu Cindy Sherman und Duane Michals eröffnet, die Identität, das Unheimliche und die serielle Narration untersuchen. Die Rasterung der Fotografien verstärkt die formale Strenge, während die historische Materialität der Köpfe die Arbeit mit einer spürbaren poetischen Dimension versieht – eine Spannung zwischen Objektivität, Geschichte und emotionaler Wirkung.
Durch die architektonische Einbindung in den nüchternen Kirchenraum entsteht eine meditative, beinahe sakrale Atmosphäre. Die Installation wird so zu einem Spiegel menschlicher Fragilität, einer Reflexion über Zeit, Vergänglichkeit und die oft unsichtbaren Spuren menschlichen Lebens. Die Köpfe tragen die Geschichte von Entstehung, Vergrabung und Wiederentdeckung in sich, die Kunst transformiert sie zu einer eindringlichen Präsenz, die Betrachterinnen und Betrachter zugleich ästhetisch wie emotional anspricht.
In ihrer Gesamtheit verbindet die Arbeit historische Materialien, räumliche Sensibilität und soziale Kontextualisierung zu einem tiefgreifenden Erlebnis: ein künstlerisches Zeugnis von Vergänglichkeit, Unsichtbarkeit und der stillen Kraft menschlicher Präsenz, das auf bemerkenswerte Weise die Vergangenheit, den Raum und die Gegenwart miteinander verknüpft.



